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Haupttitel der Werkausgabe 1730
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Gespräch zwei Seelen

Der ursprüngliche Titel lautet in der überlieferten Handschrift Böhmes: „Epistola oder sende Brieff An eine Hungrige und dürstige Seele / nach dem Brünlein der süssen liebe Jesu Christi“. Jacob Böhme hat diesen Trialog zwischen einer „hungrigen“ Seele, dem Teufel und einer „erleuchteten“ Seele direkt an einen Empfänger, also als Brief versendet, an Johann Sigmund von Schweinichen, einem seiner adligen Förderer im Lausitzer Umfeld. (vgl. Buddecke 2, S. 433)

Im ersten Teil dieses kurzen Textes zwischen einer Seele, die sich vom Ewigen abgekehrt hat, und dem Teufel versucht dieser, sie von einem Leben ohne göttlichen Bezug zu bestärken. Der Teufel hält sie ab, wieder umzukehren, er argumentiert, setzt auf ihre Eitelkeit, bis die Seele, nach einer Zwischenrede, einer anderen, aber erleuchteten Seele begegnet, und zwischen ihnen wird der Dialog fortgeführt.

Die Redeweise des Teufels ist das Interesante an diesem Text. Er spricht als Verführer, nicht gegenüber Eva im Paradies, sondern er setzt eine Vernunft ein, die derjenigen nachchristlicher Zeit ähnelt. Es lässt sich trefflich über sie philosophieren, ohne dass wir denken müssten, das sei ohnehin die verlogene Sprache des „Versuchers“.

„Die Seele sprach: Hätte ich die Erkentniß der Natur und Creaturen, so wollte ich die Welt beherrschen.

Der Teufel sprach: Der Grund zu solcher Erkentniß liegt in dir; wende nur deinen Willen von GOtt in die Natur und Creaturen, so entstehet in dir die Lust zu solchem Schmacke, so kanst du vom Baum der Erkentniß Gutes und Böses essen, alsdann so wirst du alles erkennen.“ (8,9)

Dieses Wissenschaftsprogramm der Renaissance, in Natur und Kreatur zu forschen, ohne ethische Rücksichtnahme, ohne eine sich selbst zügelnde Naturforschung, führt zur Beherrschung der Welt. Auch Naturwissenschaft ist Wille zur Macht. Die „Lust zu solchem Schmacke“, ein Forschertrieb als Machthunger treibt „die Seele“ fort, und sie verwandelt sich:

„Als dieses geschahe, so zündete der Vulcanus das Feuer-Rad der Essentz an, so wachten zuhand alle Eigenschaften der Natur in der Seelen auf, und führeten sich in eigne Lust und Begierde ein.“ (15)

Forschung aus Machtwille, heute würden wir sagen, aus vorrangig ökonomischen Interesse, lässt Todsünden nachvollziebar entstehen: Hoffart (Hochmut) gegenüber etwa Nichtwissenden, Geiz, Neid, Zorn.

„(…) da ward ein Wurm gleich der feurischen Schlangen, welche ihr der Teufel in seiner Bildniß vorstellete, und fing an auf thierische Art zu regieren auf Erden (…)“ (20)

Solche Bilder einer Bestialisierung kennen wir in späteren ästhetischen Traditionen, bei denen sich Versuchstiere in Monster verwandeln oder Forscher in gefährliche Bestien.

„Siehe du bist jetzo gewaltig, mächtig, hoch und edel, siehe daß du noch grösser, reicher und gewaltiger werdest, brauche deine Kunst und Witze, daß dich jedermann fürchte, so hast du ein Ansehen, und einen grossen Namen in der Welt.“ (21)

Die Seele begegnet zwischenzeitlich Jesus Christus, sie sehnt sich trotz allem nach ihm, „aber die bösen Eigenschaften der gebildeten Schlangen…(27) tritt stärker auf, so dass sich zwar Bedenken regen, doch es beginnt ein innerer Konflikt in der Seele.

Der Teufel argumentiert:

„Was plagest du dich, siehe doch die Welt an, wie sie in Freuden lebet, sie wird gleichwohl selig werden; hat doch Christus für alle Menschen bezahlet und genug gethan; du darfst dich dessen nur trösten daß es geschehen sey, so wirst du selig: du kanst alhier in dieser Welt nicht zu Göttlicher Empfindlichkeit kommen, laß nur ab, und pflege des Leibes und zeitlicher Herrlichkeit.

Was meinst du nicht, daß aus dir werden würde, so du also melancholisch und närrisch würdest, so wärest du iedermanns Narr, und lebetest in eitel Traurigkeit, daran hat weder GOtt noch die Natur Gefallen; siehe doch die schöne Welt an, darein hat sich GOtt geschaffen, und zum Herrn aller Creaturen gemacht, dieselbe zu beherrschen: Samle dir vonehe zeitlich Gut, daß du der Welt nicht mehr bedarfest, alsdann, wann dein Alter und Ende kommt, so wende dich zur Busse, GOtt wird dich gleichwol selig machen und in Himmel nehmen, es (be)darf keines solchen Plagens, Erweckens und Grämens, als du jetzt thust.“ (35,36)

Die theologische Formel, dernach Jesus Christus für unsere Sünden am Kreuz gestorben sei, wird uminterpretiert zur Sühneformel, dass der Tod eines Menschen am Kreuz die Strafe für menschliche Vergehen bezahlt, und damit sei es dann genug. Der grausame Tod des Sohnes Gottes sei der Ablass für die Vergehen der Menschheit. Der Teufel historisiert recht eigentlich die Kreuzigung, indem er in der Gegenwart eine Opfer-Identifizierung nicht für nötig hält: Es ist geschehen, heute ist heute, es gibt keine Erbschuld, was geht mich das an. Der nächste Halbsatz enthält die Rafinesse, von „Empfindlichkeit“ zu reden, nicht von Erlösung oder Erleuchtung. Das Wort markiert die Distanz des Teufels zu derlei Rettungsvorstellung. Und wozu wäre Rettung nötig, leben wir doch in einer säkularen, „schönen“ Welt voller Freude. Unsere moderne Haltung materieller Absicherung als Streben nach Autarkie durch Reichtum spricht aus dem Satz: „Samle dir vonehe zeitlich Gut, daß du der Welt nicht mehr bedarfest“. Eine weitere kritische Uminterpretation theologischer Formeln enthält die zitierte Passage: Jeder reuige Sünder kann von Gott angenommen werden, egal zu welchem Zeitpunkt, wenn er nur bereut. Diese Möglichkeit muss es geben, weil andernfalls die Frage entstünde: Ab wann geht es denn nicht mehr? Jede Seele, die diesen Zeitpunkt verpassen würde, wäre schon auf Erden verloren und könnte erst recht böse bleiben. Ein Christentum zumal, das nicht in Aussicht stellt, noch im letzten Moment, in der letzten Sekunde des Lebens dem Menschen zu vezeihen, wenn er sich zu seinem Gott bekennt, ist nicht sonderlich attraktiv für missionarische Versuche, heidnische Tunichtgute zu überzeugen. Dieses Argument kehrt der Teufel um und erklärt: Ja, dann kann ich mir ja Zeit lassen, ich kann mich benehmen wir der übelste Tyrann, wenn es reicht, kurz vor dem Tod abzuschwören, um die Seligkeit zu erlangen, die mir einen Platz im Himmel sichert.

In einer schönen Welt ist der Melancholiker ein Narr. Brüchig wird das Lebenslob des Teufels erst im Zweifel an der Schönheit dieser Welt, die immerhin im Krieg sich befindet, im grausamsten, den Mitteleuropa bis dahin sah, dem Dreißigjährigen.

Genau in der Hälfte des textes tritt eine erleuchtete Seele auf, die als bestes Rezept, den Teufel loszuwerden, dringend empfiehlt, eigenen Willen verlassen.

„Die erleuchtete Seele sprach: Du solst nichts tun (um wieder umzukehren – TI), sondern deinen eigenen Willen eigener Annehmlichkeiten verlassen, so werden deine bösen Eigenschaften alle schwach, und verwegen sich zu sterben, so ersinckest du mit deinem Willen wieder in das Eine, daraus du im Anfang hergekommen bist.“ (Nr. 48)

Es beginnt der Kampf um Reue. „Und als sie in solchem Aechtzen und Weinen stund, so ward sie gezogen in den Abgrund der Grausamkeit…“ (70)

„Aber es umfiel sie auswendig von der Welt Spott und Schmach, und inwendig grosse Anfechtung, daß sie anhub zu zweifeln, ob ihr Grund aus GOtt sey…“ (73)

 „Dadurch ward der Vernunft ihr Wille gebrochen, und die böse angeborne Neiglichkeit je mehr und mehr getödtet, und geschahe der Natur des Leibes gantz wehe, und geriet in Unmacht, gleich einer Kranckheit, und da es doch keine natürliche Kranckheit war, sondern nur eine Melancholia der irdischen Natur des Leibes, daß ihm seine falsche Lust gebrochen ward.“ (77)

„Die Seele sprach: Ich habe deinem (der erleuchteten Seele – TI) Rath gefolget, und dadurch den Anblick Göttlicher Süssigkeit erlanget: Aber sie ist wieder von mir gewichen, und stehe ietzt verlassen, und in grossen Anfechtungen: Von aussen vor der Welt, dann alle meine guten Freunde verlassen mich, und spotten meiner: Auch werde ich innen mit Angst und Zweifel angefochten, ujnd weiß nicht was ich nun thun soll.“ (80)

„Die Erleuchtete Seele sprach: Du gefällest mir ietzt wol. Dann ietzt wandert unser lieber Herr Christus mit und in dir seine Pilgram-Straffe auf Erden…“ (81)

„Diese bekümmerte Seele fing nun ihren Lauff unter der Gedult Christi also an, und trat in die Hoffnung in Göttlich Vertrauen, und ward von Tag zu Tag mächtiger und kräftiger, und ersturben ihre böse Neiglichkeiten je mehr und mehr in ihr, bis sie in eine grosse Gnadenreichbgesetzt ward, und ihr die Porten Göttlicher Offenbarung aufgethan wurden, und das Himmelreich in ihr offenbar ward.“ (88)

 

 

Umfang: 19 Seiten, Sämtl. Schriften Band 4.
Überliefert in Böhmes eigener Handschrift (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel). Zur Zeit beste Ausgabe: Jacob Böhme: Die Urschriften. Herausgegeben von Werner Buddecke. Zweiter Band. Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag, 1966.

 

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