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Gregor Richter

Von der Eifersucht eines Christenmenschen

Der Oberpfarrer Gregor Richter kann einem leid tun. Jahrelang war er bemüht, seine Gemeinde in der Ordnung zu halten, das Amt des Aufsehers über die Kunde von Gottes Wort mit gläubiger Strenge und himmlischer Muse auszufüllen, ja das Leben eines nach des familiären Hirten Martin Luther gefälligen Daseins in der Provinz zu führen, doch es kann der beste nicht in Frieden leben. Wie hatte er sich hochgearbeitet, der arme Schmiedesohn, der bei seinen Großeltern aufwuchs, in Breslau bei seinen Wirtseltern das Schmiedehandwerk lernte, auf dem Görlitzer Gymnasium durch Talent und Fleiß auffiel, und zum Studium nach Frankfurt an der Oder durfte. Leider musste er aus Geldmangel abbrechen, sich als Privatlehrer im Haus des Görlitzer Ratsmitglied Emmerich verdingen, bevor er zuende studieren konnte. Dann wurde es besser. Gregor Richter, der lateinische Verse schrieb, musikalisch nicht ohne Ambitionen war, wurde mit 24 Jahren Lehrer am Görlitzer Gymnasium, mit 27 Jahren Pfarrer im sächsischen Rauscha, dort war es ihm womöglich doch zu langweilig, so dass er 1590, mit 30 Jahren, nach Görlitz als „unterster Görlitzer Geistlicher“ (1) zurückkehrte.

Als derjenige, den Jacob Böhme und seine Anhänger subversiv umgangen haben, indem das Werk „Der Weg zu Christo“ 1623 nicht ihm, dem kirchlichen Zensor von Werken theologischen Inhalts, als derjenige, der die Institution Kirche mit der der weltlichen Macht im beginnenden Dreißigjährigen Krieg zu harmonisieren hatte, er wurde hintergangen, indem Sigmund von Schweinichen das Werk auf eigene Verantwortung, jedoch mit Wissen Böhmes, drucken ließ. Gregor Richter tobte und wütete von der Kanzel, zeigte Böhme beim Rat der Stadt an, doch der fand nichs Unchristliches an dem kleinen Werk. Böhme berichtet darüber an seinen Unterstützer Schweinichen:

„Nachdeme aber schon fast die meisten Herren des Rathes mein gedrucktes Büchlein gelesen hatten, und in demselben nichts Unchristliches befunden, auch von etlichen sehr beliebet ist worden, neben auch vielen von der Bürgerschaft, so haben etliche solches Vorhaben und Begehren des Primarii (Gregor Richter – TI) für unbillig geachtet, es sey keine rechtmäßige Ursache zu solcher Verfolgung an mir, und darwieder geredet und gesaget; sey doch diese Religion nichts neues, es sey eben der Grund der alten H. Väter, da man mehr dergleichen Büchlein würde finden.“ (Briefe 53;9)

So ging es noch eine Weile zwischen Rat und Richter hin und her, dieser reagierte cholerisch, jene haben das Werk Böhmes gewiss kaum gelesen, so wenig interessierte dort der Vorgang, wenn anders sie sonst kaum zu dem Eindruck gekommen wären, es stünde nichts neues darin. Stattdessen wurde Böhme pro forma verwarnt und ihm vorgeschlagen – nicht angeordnet – er möge Görlitz für eine Weile verlassen.

Die Gegenwehr des wackeren Oberpfarrers kam postwendend: Er veröffentlichte eine Gegenschrift, die jeden Böhmeanhänger seitdem fassungslos den Kopf schütteln lässt. Sie erschien herablassend in lateinischer Sprache, so dass sie für Jacob Böhme von Freunden übersetzt werden musste, in drei Abschnitten am 7., 26. und 27. März 1624. Aufschlussreich ist der Beginn des ersten Teils:

„Wehe dem Orte! Wo solche Göttes-Lästerungen ungestraft ausgestreuet werden; wo dergleichen Gottes-Lästerungen geduldet werden; wo man ungestraft solchen Gottes-Lästerungen gläubet: wo man frey / was einer nur will / zu erdichten und zu schreiben verstattet: wo man ungehindert alles nach Gefallen ausstreuen lässet / und wo man ohne Kränkung glauben darf was man nur will. Denn GOtt wird seine Ehre wunderlich retten / und wird ihme seine Ewigkeit nicht nehmen lassen / von solch schwärmerischen Schustern / Gärbern / Schneidern / Weibern / Priestern und Doctoren.“ (2)

„So viel als Zeilen sind, so viel sind Donnerworte in des Schusters Büchern zu befinden, welche greulich nach Schuster-Pech und Schwärtze stincken: pfuy, pfuy! Dieser Gestanck sey ferne von uns.“ (Richter 2)
Oder:
„Der Schuster ist der Antichrist“ (Richter 28)
Oder:
„O Christe! Der Heilige Geist hat dich gesalbet mit Oele, mehr als deine Gesellen, und hat dich zum Priester gemacht; aber dich Schuster hat der Teufel mit Dreck besudelt, und zum Ketzer gemacht.“ (Richter 35)
Oder:
„Dein Dreck, O Schuster! Hat unsere Stadt heftig besudelt.“ (Richter 70)

Seitdem ist der Oberpfarrer Gregor Richter der Buhmann der Böhme-Literatur. Böhmes erster Biograph, Abraham von Frankenberg, setzt ihn 1651 in die Nähe des „Fürstes der Finsterniß“ (Bericht I; 15), und Ehrenfried Hegenius sieht 1669 in Böhme den sanftmütigen Leidenden und Dulder, in Richter denjenigen, der Böhme immerhin „durch das Mittel der Läster-Zungen der Welt bekannt gemacht“ hätte. (Bericht IV;15) Noch neuere Literatur zu Böhme sieht in Gregor Richter die tobende Kleinstadtauthorität, der Jacob Böhme das Leben zur Hölle gemacht habe. Richard Jecht nennt ihn „den eifernden >Hohepriester<“. (3) Hans Grunsky sieht in ihm 1956  den „geistlichen Diktator“ und heroisiert Böhmes Haltung als die eines besonnenen Meisters, der demgegenüber seine Emotionen kontrollieren könne. (4) Gehard Wehr spricht erstaunlich einseitig vom „Wüten des unflätigen Pfarrers“, von Richter als einem „dogmatisch engen Lutheraners“. (5) Ernst Heinz Lemper, der ausführlichste Biograph Böhmes, zeigt von denen, die das Verhältnis Richters zu Böhme genauer beleuchten, ein gewisses Verständnis für den unter Erfolgsdruck stehenden Vertreter der nachlutherischen Orthodoxie. Mit Recht aber bezeichnet Lemper den Oberpfarrer als „Trauma“ Jacob Böhmes. (6)

Diese Volksnähe erklärt auch, und da hört der Spaß auf, die Hetze auf Jacob Böhme, der Opfer des niederen Volks geworden war, das ihn aus der Kutsche in den Dreck zerrte, das ihm die Scheiben seines Hauses einzuwerfen drohte, das als von Gregor Richter „aufgeputschte Menge“ sich vor dem Rathaus versammelt hatte, als Jacob Böhme dieses als freier Mann verließ. (9)

Dieses Verhalten des Pöbels und der offiziellen Kirche wirkte über den Tod Gregor Richters am 13. August 1624 hinaus. Dessen Nachfolger im Amt, Nikolaus Thomas, hatte die Beerdigungspredigt Jacob Böhmes im November des gleichen Jahres abgelehnt, auch hier musste der Rat der Stadt sich um Ersatz kümmern, und der Pöbel zerstörte kurz danach noch das Grabkreuz Böhmes.

Zwei Mal eskalierte der Konflikt zwischen Böhme und Richter, zum ersten Mal anlässlich der Erstlingsschrift „Aurora“ 1613, das zweite Mal anlässlich der Druckausgabe zweier kurzer Schriften, „Von wahrer Buße“ und „Von wahrer Gelassenheit“ unter dem Sammeltitel „Der Weg zu Christo“, 1624. Beim ersten Mal sprach der Oberpfarrer ein Schreibverbot aus, und da muss es ihm eine besondere Provokation bedeutet haben, dass nicht nur sein Schreibverbot missachtet wurde, sondern darüber hinaus auch  die Texte in Druck gegeben wurden. Ob Gregor Richter weitere Schriften von Böhme gekannt hat, schlichtweg das Hautwerk, das zwischen 1619 und 1623 entstand, ist ungewiss. Vermutlich ahnte er es und es verdross ihn, bis endlich die Druckschrift als ein corpus delicti vorlag. Selber als Sohn eines Schmiedes emporgestiegen, startete er seine Karriere auf der gleichen sozialen Stufe, auf der der Handwerker Jacob Böhme stand. Ein gewisser intellektueller Neid auf die in der Görlitzer Region spürbaren Wirkung der Schriften Böhmes wird ihn beschlichen haben, er, der sich über viele Hürden hinweg durch die Wissensinstitutionen quälte, bis er war, wo er wirkte, während der fünfzehn Jahre jüngere Jacob Böhme einfach auf seinem sozialen Schuhmacherniveau blieb und sich auch noch damit brüstete, als Laie zu schreiben, und die Spitze der Zumutung muss für den Oberpfarrer aus dem kleinen Mittelstand gewesen sein, dass der Laie nicht nur schrieb, sondern auch darin göttlich inspiriert zu sein behauptete, und Adelige im Görlitzer Umkreis ihm das sogar glaubten. So hält Böhme, dies gewiss ahnend, ihm, Richter, in seiner Apologie mit unschuldiger Mine vor:

„Ihr verachtet mich, daß ich ein Lay bin, und nicht von der Hohen Schule kommen mit meiner Wissenschaft, und pfuyet meine Gaben an, welche ich doch von GOtt habe empfangen, als ein Edles Geschenck, welches mir auch lieber ist als die gantze Welt.“ (Richter 4)

Wie sehr ihm, Jacob Böhme, wiederum Gregor Richter ein Trauma gewesen war, zeigt sich auch darin, dass er in den Schriften, von dessen Existenz Richter vermutlich gar nichts wusste, von Richter als einer Inkarnation des Teufels sprach, so auch in einem eher unkritischen Jahr, 1620, in dem ersten langen Brief an Paul Kaym in Liegnitz. Dort schreibt er über diejenigen, die göttliche Erleuchtung erlangen wollen:

„Dann es finden sich viel Richter, die da wollen im Mysterio richten, aber sie sind von GOtt nicht erkant, darum heissen ihre Schule Babel, eine Mutter der Hurerey auf Erden, die mit GOtt und auch dem Teufel buhlen, und nennen sich doch Christi Hirten, lauffen, und sich doch nicht gesandt, vielweniger von GOtt erkant, sondern thun es um des Bauchs und Ehren willen; und erlangeten sie das nicht in ihrem Huren-Lauff, sie lieffen nicht, das rechte und hochtheure Mysterium GOttes haben sie zu einem Ministerio ihrer Hurerey und Wollust gemacht, darum nennet es der Geist Babel, eine Verwirrung, da man einen heuchlerischen Gottesdienst treibet, und GOtt mit der Zungen bekennet, und mit der Kraft verleugnet, da man mit dem Munde GOtt heuchelt, und mit dem Hertzen mit dem Drachen, in der Offenbarung Jesu Christi, buhlet.“ (Kaym 1;14)

Dies ist ebenfalls nicht eben fein bemerkt, nicht mit spitzer Feder, sondern mit breitem Pinsel formuliert. Böhme konnte austeilen, versteckt und offen, und es lohnt sich ein Blick ins Innere seiner „Apologie“ von 1624. (10)

 

Strategie der Verteidigung

Ebenso wie ihm der lateinische Text des Pasquills übersetzt werden musste, legt die rhetorische Anlage der Apologie nahe, dass er sich zur Beantwortung von gelehrten Freunden beraten ließ, wie auch der Biograph Ernst Heinz Lemper vermutet. (11) Die Taktik, Satz für Satz, geduldig und damit demonstrativ sachlich, diplomatisch in den Wendungen, die Aussagen Richters entweder zu widerlegen oder ihnen zu widersprechen, erzeugt den Eindruck eines Schreibers, der in der Gelassenheit schreibt, die dem Choleriker Richter freilich abgeht. Auch unter dieser Prespektive ist aufschlussreich, was Böhme in seinem Werk über „Vier Complexionen“ zum cholerischen Menschentypen ausführt. (vgl. Erläuterungen dort) Hier antwortet der weise Laie auf das unziemliche Benehmen eines, der der Erleuchtung fern steht. Dieser Weise demonstriert damit, dass er mit dieser Tonart auch den Inhalten entspricht, um die es geht:

„Lieber Herr Primarius, warum verachtet ihr mich, daß ich ein Laye bin, und habe hohe, Göttliche und natürliche Erkentniß? Meinet ihr, daß der H. Geist an eure Schulen gebunden sey? (…) Sehet doch zurück in die Welt, was GOtt hat oft für einfältige Leute zu seinem Wercke gebraucht; wer war Abel, Seth, Enoch und Noah? Wer waren die Ertz-Väter? Schafhirten, welche auch keine Doctores waren. Wer war Moses? Ein Schafhirte; Wer war David? Ein Schafhirte; Wer waren die Propheten, sonderlich Elisius und Habacuc? Einfache fromme Leute, welche mit Ackerwerck umgingen. Wer war Maria die Mutter Christi? Ein arm, fromm, verwayset Jungfräulein. Wer war Christi Pflegvater in seiner Kindheit? ein Zimmermann. Wer waren Christi Apostel? Allesamt arme, einfältige Handwercks-Leute, als Fischer und dergleichen.“ (Richter 5)

Nicht auf die Bibeltreue von Zitaten komme es an, sondern auch auf den Vorbildcharakter ihres Personals. Mit der grandios formulierten Aufzählung, einer rhetorischen Reihung in sprachlicher Delicatésse, verteidigt Böhme nicht nur seinen Laienstand, auch hält er Richter die Epitheta guter Tugenden vor, die Richter ebenfalls abgehen: einfältig, einfach, arm, verwaist (das war Richter als Junge auch), fromm hier im Sinn von demütig.

Gregor Richter wird diese Apologie Böhmes, soweit ich sehe, nicht gelesen haben. Sie ist zu beider Lebzeiten nicht als Druck veröffentlicht worden, sie kursierte wie fast alle anderen Werke Böhmes in wenigen kopierten Exemplaren. An Friedrich Krause berichtet Böhme am 9. Mai 2624 über die Schmähschrift gegen Richter und bietet an: „Dawieder habe ich eine Verantwortung geschrieben, die könnet ihr samt dem Pasquill bey Herrn Michael Endern bey euch bekommen, er wird es euch willig darleihen (…).“ (Briefe 60;3)

 

Anmerkungen:

(1)    Zum Verhältnis Böhmes zu Richter vgl. Richard Jecht: Die Lebensumstände Jakob Böhmes. In: J.B., Gedenkgabe der Stadt Görlitz zu seinem 300 jährigen Todestage. Görlitz 1924. Bes. S. 32 ff. Ernst Heinz Lemper: Jakob Böhme. Leben und Werk. Berlin 1976. Bes. S. 86 ff.

(2)    Jecht ebenda S. 70f.

(3)    Jecht ebenda S. 43

(4)    Hans Grunsky: Jacob Böhme, ebenda S. 35 und 59

(5)    Gerhard Wehr: Jacob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Ebenda S. 28 und 39

(6)    Ernst Heinz Lemper: Voraussetzungen zur Beurteilung des Erfahrungs- und Schaffensumfelds Jakob Böhmes. In: Gott Natur und Mensch. Ebenda. S. 55 und 63

(9)    Vgl. Lemper 1976 ebenda S. 96, ferner: Briefe 53;15 f.

(10) Die Schriften in der Druckfassung von 1624, über deren Inhalt sich Gregor Richter derart echauffierte, „Von wahrer Buße“ und „Von wahrer Gelassenheit“, werden unter ihren Titeln ihm Rahmen dieser Einführungen genauer betrachtet.

(11) Vgl. Lemper ebenda S. 94

 


Umfang: 51 Seiten, Sämtl. Schriften Band 5.
Überliefert in Böhmes eigener Handschrift (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel). Zur Zeit beste Ausgabe: Jacob Böhme: Die Urschriften. Herausgegeben von Werner Buddecke. Zweiter Band. Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag, 1966.


 

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