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Mysterium Magnum

„das lebendige Wort muß das buchstabische Bild tödten.“ (MM 36;65)

 

Das Geheimnis der Sprache und die Bilder der Genesis 


Schon beim ersten Vergleich der Schriften Böhmes begegnen Unterschiede in der Textgattung sowie in den Stilebenen, auf die sich der Schreiber performativ begibt: Theologische Erörterung („Gnadenwahl“), alchimistische Anleitungen („Signatura Rerum“), predigtähnliche Traktate, Trostschriften, Dialoge (allesamt in der Anthologie „Der Weg zu Christo“ vertreten), polemische Streitschriften, Briefe. Mit dem „Mysterium Magnum“ liegt ein Genesiskommentar vor, der an einen Romanessay erinnert: Erzählelemente und Reflexion spiegeln sich gegenseitig, als reflektierten sich die biblischen Geschichten in ihren Bezügen untereinander. Die Geschichten im 1. Buch Mose enthalten somit ihre eigene Deutung.


Dieses späte Werk ist mit Abstand Böhmes umfangreichstes, reifstes und insofern führt es die Bezeichnung „Magnum“ bereits im Titel zurecht. Es stellt eine minutiöse, bei Böhme 78 Kapitel umfassende Ausdeutung der Genesis dar, vom Schöpfungsbeginn bis zu Jakobs Beerdigung und Josephs Tod. Allein die Schreibleistung ist enorm. Die – in der Edition von 1730 – 896 Seiten dürften zwischen November 1622 und September 1623 entstanden sein. Das wären rund 11 Monate, mithin 80 Seiten pro Monat, rechnerisch knapp 3 Seiten pro Tag, und insofern er jeden Tag hätte schreiben müssen, was angesichts vieler Alltagssorgen (Reisen, Lebensunterhalt, Anfeindungen) sicher nicht immer möglich gewesen war.

 

Abstrakter Anfang: Die Schöpfung und die Zeit

 
Das erste Buch Mose beginnt mit der Genesis, der Entstehung der Welt, in sechs Tagen und dem siebten als Ruhetag. Da dieses Schema der sieben Schöpfungstage den Zeitgenossen eine Matrix für zahlreiche Naturprozesse bietet, und für Böhmes „Qualitätenlehre“ oder „Gestaltenlehre“ (vgl. unsere Ausführungen ) gleichsam das Urmuster liefert, geben ihm die sieben Tage der Schöpfung Anlass, seine Lehre mit aller Sprachvirtuosität durchzudeklinieren. Mehrfach führt er sie über zahlreiche Kapitel vor, fasst sie graphisch zusammen (vgl. MM 6;14-24), wendet sie in immer neuen Terminologien an. Denn er scheint rechtfertigen zu müssen, dass die bekannten Schritte der sieben Schöpfungstage auf den ersten Blick nicht mit seinen „sieben Gestalten“ identisch sind.

Ich greife ein Detail in dieser Schöpfungsspekulation heraus, das besonders für die Poetik des Textes von zentraler Bedeutung scheint. Nach der natursprachlichen Interpretation des Johannes-Wortes in Joh.1;1 („Im Anfang war das Wort, und das Wort war bey GOtt, und GOtt war das Wort“) ordnet Böhme den sieben Gestalten die damals bekannten sieben Planeten des Sonnensystems bei. Dabei lässt sich ein merkwürdiger Unterschied zu der Zuordnung in Böhmes „Signatura Rerum“ feststellen:

Im „Mysterium Magnum“:                  In „De Signatura Rerum“:
1. Gestalt: Saturn                              1. Gestalt: Saturn
2. Gestalt: Merkur                              2. Gestalt: Jupiter
3. Gestalt: Mars                                 3. Gestalt: Mars
4. Gestalt: Sonne                               4. Gestalt: Sonne
5. Gestalt: Venus                               5. Gestalt: Venus
6. Gestalt: Jupiter                              6. Gestalt: Merkur
7. Gestalt: Luna und Saturn              7. Gestalt: Luna
(vgl. MM 3;8 bis 6;24)                       (vgl. Sign.Rer. 9;9 bis 24)

Zwei Unterschiede in den Zuordnungen gibt es: Merkur und Jupiter sind vertauscht, Saturn wird im „Mysterium Magnum“ doppelt, in der 7. Gestalt, der Luna beigeordnet. Im kurzen Tafelwerk von 1623 („Tafeln“ – vgl. dort ) gibt Böhme die Version im „Mysterium Magnum“ wieder, im Übersichtswerk „Clavis oder Schlüssel“ von 1624 (vgl. dort ) werden bei 1 und 7 Luna und Saturn, bei 2 und 6 Merkur und Jupiter doppelt besetzt. Was bedeuten diese Unterschiede?

In der frühen Neuzeit waren solcherlei Planetenzuordnungen Interpretamente für die Eingebundenheit des Menschen in die Ganzheit von Erdenleben und Himmelsgeschehen, zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos.(1) Nicht alle diese Unterschiede innerhalb der Werke Böhmes sind in der Forschung geklärt, für das Verständnis des „Mysterium Magnum“ scheint folgende Erklärung nahe zu liegen:

Merkur und Jupiter wirken bei Böhme wie zwei Seiten eines Prinzips, nämlich einerseits wie eine Abstoßung vom Bösen, wie der „Sohn“ sich vom „Vater“ emanzipiert: „es ist alhie wie Vater und Sohn: der Vater will stille und hart seyn, und der Stachel, als sein Sohn, zeucht (zieht – TI) im Vater, und machet Unruhe…“, (3;11) andererseits wie die Botschafter zwischen Himmel und Erde, indem die Welt im Wort „gesprochen“ wird:

„Die 6te Gestalt der Natur und aller Wesen entstehet auch aus den andern allen, (…) die ist der Natur Verstand, Schall, Rede und alles was lautet, es sey im Lebhaften oder im Unlebhaften.“ (5;11) Beschreibt die Konnotation Saturn – Merkur ein aggressives und oppositionelles Verhältnis, so Venus – Jupiter ein eher freundliches, nämlich das Aussprechen der Schöpfung, bei Böhme auch in Parallele gesetzt zur „incarnatione verbi“, der Fleischwerdung des Wortes, womit Jesus Christus gemeint ist (vgl. Menschwerdung Jesu Christi).

Saturn und Jupiter scheinen bei Böhme stets in einem Zusammenhang zu stehen: bei beiden aufgeführten Tabellen sind sie benachbart und „folgen“ aufeinander im Ablauf der sieben Gestalten. Der Tabelle „Makrokosmos“ in Böhmes „Tafeln“ ist zu entnehmen, dass dem Saturn die Verfassung des „Melancholischen“ beigeordnet ist. Mit diesem Seelenzustand verbindet sich das Grübeln, die Traurigkeit über die Ab- und Ungründe der Welt. Jacob Böhme hat sich selber als Melancholiker beschrieben (vgl. „Aurora“ und in der Schrift „Von vier Complexionen“). Ferner ist Saturn der Gott der Zeit, griechisch „Chronos“.

„Also ist auch Saturnus oder die siebente Eigenschaft des siebenten Tages die Ruhe oder Stätte der andern sechs Tage-Wercke (…); die siebente Eigenschaft stehet stille als ein stumm Leben.“ (16;18).

„Denn in der siebenten Eigenschaft lieget der ewige Tag, daraus die Tage der Zeit sind ausgegangen (…). Diese Zeit aber muß GOttes Liebe und Zorn in einander wircken (…). In der siebenten Eigenschaft werden alle Dinge an ihr Ende gebracht, als in den ersten Tag des Anfangs aller Wesen (…)“ (16;23 – 27)

Die Besetzung Saturns in der ersten und siebten Gestalt besagt daher einen Kreislauf, bei dem der Zeiten Ende ihr Anfang sein wird. Zeit in ihrem Bezug zur Ewigkeit ist daher ein Thema seiner Beschreibung vom ersten Buch Mose und dessen Geschichten.

Mit engagierter Formulierungsphantasie erzählt Jacob Böhme alle Geschichten der Genesis nach, Die Vertreibung aus dem Paradies, Kain und Abel, die Sintflut (Noahs „Kasten“ aus Holz interessiert den Handwerker Böhme besonders), der Turmbau zu Babel, Abraham und Isaak, Jakob und Esau, Joseph und seine Brüder. Recht genau in der Mitte des Werkes findet sich ein Selbstkommentar, eine Rezeptionsanweisung:

„Und sollet gar eben wissen, daß das 1. Buch Mosis gantz aus des Geistes Andeuten, was iede Geschichte in der Figur bedeute, sey geschrieben worden: Wer die Geschichte lesen und recht verstehen will, der muß ihme den alten und neuen Menschen in sein Gemüthe modeln, und Christum und Adam gegen einander stellen, so mag er alles verstehen; und ausserdem verstehet er nichts davon, als nur eine kindliche Historia, welche doch also reich an Geheimnissen ist, daß sie kein Mensch von der Wiegen bis in das höchste Alter aussprechen möchte.“ (43;57)

Denn das ist Sinn aller Nacherzählung, das Erzählte auf die Gegenwart zu übertragen, um mythische Geschichten  neu zu verstehen. Biblische Geschichten in diesem Sinn anzueignen, ist zunächst so originell nicht; in den Kirchen sind die Predigten seit Jahrhunderten voll davon, in der Kunstgeschichte spiegelt sich jede Zeit in der Bibel wider. Worin liegt das Besondere?

„Wann GOtt ein Land strafen will, schicket Er ihnen erstlich einen Boten, und lässet sie zur Buße mahnen, und verkündiget ihnen seine Gnade: Hernach schicket er auch balde den Engel der Gerechtigkeit, der sie sichtet, ob sie auch der angebotenen Gnade fähig sind, und stellet ihnen das Gerichte vor mit Dräuung ihres Unterganges, auch mit Andeuten grosses Krieges und Plagen, wie er sie vertilgen und ausrotten will, wo sie nicht umkehren und Busse thun; und zeiget ihnen durch seine Boten das Licht und den Weg der Gerechtigkeit, und läßt sie eine weile in dem angebotenen Lichte hinlauffen, bis sie des überdrußig werden, und nur für ein gemein Ding und Historia halten, und wieder ein Sodom werden.“ (44;6)

Die Rede ist von Loth, der Sodom und Gomorrha flieht, von Loths Frau, die sich umdreht und zur Salzsäule erstarrt (für den Alchemisten in Böhme von besonderem Interesse - vgl. 44;28ff), und vom Untergang dieser Städte. Ähnliche historische Ereignisse waren der Zeit des eben begonnenen Dreißigjährigen Kriegs um 1624 nicht fremd, zur Überwindung der Geschichte wird hier ihr Engel angekündigt, der nicht verkündet, sondern beobachtet, nicht urteilt, sondern testet. In einem beinah hinterhältigen Verfahren, in dem eine typische Kollektivschuld an der Dekadenz vorgeführt wird, werden Untergänge, die die Gottheit beschließt, als von Menschen verantwortet gerechtfertigt. Aus der biblischen Geschichte Lehren zu ziehen, soll vor dem Untergang in der realen bewahren. Als einen „Spiegel der Welt“ deutet Böhme das erste Buch Mose. (27;1)

Während viele unter Böhmes Wertschätzern in seiner Naturphilosophie Hegels Dialektik präfiguriert sehen, so ließen sich gerade am Mysterium Magnum Spuren moderner Geschichtsphilosophie erkennen. „Denn wo kein Wiederwille wäre, so wäre in den Eigenschaften kein Bewegniß“, (29;7) so Böhme über die Gegensätzlichkeit in göttlichen Belangen, die in der Religionsgeschichte immer wieder zur Frage nach dem Sinn des Bösen führte. Böhmes Qualitätenlehre gibt eine Antwort: Mal als „Qual“, mal als „Quellen“ gehörten Finsternis und Zorn zur Ganzheit Gottes, seine Geburt und Wiedergeburt ist - indifferent zwischen Gut und Böse - ein „werdender Gott“, kein starrer Richter, sondern Opfer seiner selbst. Geschichte ist keine der Opfer Gottes, sondern die seiner eigenen Opferung, insofern dem Menschen durchaus offen, und im Begriff von der eben zitierten „Bewegniß“ auch im historischen Sinn dialektisch.
 

Der Name „Jacob“

Die Erzählung um Jacob und Isaak, den 12 Söhnen Jacobs, unter ihnen Joseph, nimmt gut die Hälfte des 1. Buches Mose ein. Im Mysterium Magnum herrschen ähnliche Proportionen: Kapitel 52 bis 78 widmen sich dem Jacob-Joseph-Komplex, mit 360 Seiten Umfang, wobei die Kommentierung der Josephsgeschichte 120 Seiten umfasst und 220 Seiten den Ereignissen um Jacob gewidmet sind. Die Geschichte Jacobs lag ihm am Herzen.

Sie lässt sich als spiegelsymmetrische Parabel um Betrug und Erstgeburtsrecht lesen. Durch Täuschung ergattert Jacob sich das Erstgeburtsrecht und den Segen vor seinem älteren Bruder Esau (1 Mose 25-27), und durch ebensolche Täuschung wird ihm später bei seinem Schwiegervater Laban die begehrte Rahel vorenthalten und stattdessen die weniger geliebte Lea zugeführt, bis er schließlich beide erhält. (1 Mose 29) Die Geschichte erzählt von einem schlauen, an Odysseus erinnernden Helden, mit dem die Identifikation mit einem Heiligen so leicht nicht fallen kann. Umso mehr Erzählaufwand investiert Böhme, um ihn genau in dieser Hinsicht zu rechtfertigen, minutiös und Punkt für Punkt, von der biblischen Linsensuppe zur listigen Mimikry. Dabei steht von Anfang an fest:

„Und wann dieses geschicht, so wird Esau, als die Adamische Natur, wol (zuerst – TI) geboren, und kommt allemahl zuerst hervor: Aber Jacob, als der Geist Christi, kommt balde hernach, und nimt dem Esau das Reich und die Gewalt, und machet die Natur zum Knechte; so muß Esau, als die Natur, dem Jacob dienen, als dem Geist Christi.“ (52;33)

Am Beispiel des Namens „Jacob“, besonders geeignet, weil eine Selbstidentifikation des Schreibers mit dem Erzählten zu bemerken ist, sei ein Beispiel zitiert, wie Böhme seine Natursprachenlehre in diesem Kontext anwendet:

„Jacob heisset in der Formung des Namens in der hohen Zungen eine starcke Luft aus der mentalischen Zungen, als aus dem Namen JEHOVA in eine Compaction oder Ens (Gehäuse – TI), da das I das A fasset, und sich im A empor schwinget, und die sensualische Zunge in die mentalische einfasset, als in das COB, daß das O zum Centro des Worts gesetzet wird, da sich der schwere Name GOttes ins O fasset; und wird recht darinnen verstanden, wie sich des Vaters Natur, als der sensualische Geist im A C und B ins I und O fasset; Denn I ist das Centrum der höchsten Liebe, und O das ist das Centrum des faßlichen Worts in der Gottheit, welches ausser aller Natur verstanden wird.“ (52;41)

Böhmes Lautmalerei legt in die Sprechbewegung semantische Gehalte, die zwischen Vokalen und Konsonanten unterscheidet. So korrespondiert das I (oder J) in Jacob mit dem I in „Liebe“, das O in „Wort“ und „Gottheit“.

Nicht so einfach macht es Böhme sich mit dem Erstgeburtsrecht, das sich Jacob von Esau um jene Linsensuppe erschleicht. Diese Linsensuppe ist wichtig. Sie hat eine „röthlichte“ (53;10) Farbe (vgl. 1 Mose 25;30), ebenso feurig wie die Hautfarbe des Esau. Die Linsensuppe verdient daher exegetische Beachtung, weil sie die grobe Naturhaftigkeit des Esau spiegelt, die Jacob – auch in der Bibel – symbolisch überwindet. Im Sinn eines historischen Prozesses kommt Adam (Esau) vor Jesus (Jacob), wodurch die Erzählung um das Erstgeburtsrecht zu einer Parabel geschichtsphilosophischer Gewichtung wird. In diesem Sinn wagt Böhme gar den Vergleich der Mutter beider Zwillinge, die Jacob zu dem Betrug anstiftet, mit der Mutter Christi, Maria. (vgl. MM 55;17)   

Ausdrücklich überblendet Böhme in christlich-scholastischer Tradition das 1. Buch Mose mit den Evangelien: „Darum sollte man die Schrift des Alten Testaments mit hellern Augen ansehen, dann das gantze Neue Testament lieget darunter in der einfältigen Geschicht.“ (60;50)

Diese christologische Inanspruchnahme des Alten Testaments durch das Neue Testament darf nicht als Usurpation missverstanden werden, zumal ohnehin der Laie Böhme es nicht hätte wagen dürfen, das Alte Testament in seinem jüdischen Kontext wertfrei zu belassen. Jacob Böhme überdeckt sein Verständnis des Alten Testaments mit der Folie des Neuen in dem Anspruch, die Erzählungen zu aktualisieren, nicht zu ideologisieren.

Dieser letzte Aspekt könnte zur Motivation Böhmes beigetragen haben, sich überhaupt mit dem 1. Buch Mose noch einmal zu beschäftigen, nachdem er in der “Aurora” es ja bereits getan hatte. Das Werk, das parallel zum “Mysterium Magnum” Anfang 1623 entstand, war die “Gnadenwahl”, eine Entgegnung auf die calvinistische Prädestinatonslehre (vgl. dort ). Im Brief 39 von 1623, in dem er von seinem Werk “Gnadenwahl” spricht, antwortet er auch auf Fragen zum Paradies mit Hinweis auf seinen in jener Zeit entstehenden Genesiskommentar (vgl. Briefe 39 und 40). Er verteidigt gegenüber seinen Gesprächspartnern die Einheitlichkeit der Schrift. Zu dieser Einheitlichkeit zählt für ihn das Alte Testament, dessen Bildlichkeit vom Calvinismus teilweise als religiös ungültig bestritten wurde. Dass Böhme in der Tat in diesen radikalreformatorischen Diskurs um die Fraglichkeitkeit von Bildern hineingezogen worden sein könnte, legen solche Aussagen im “Mysterium Magnum” nahe, die ohne diesen Hintergrund eher unverständlich blieben: Die verderbten Sprachen leben, so Böhme, nur in den Buchstaben:

“Daraus entstehet Wiederwärtigkeit und Bilder, daß wir das ungeformte Wort haben in Bilder eingeführet: Jetzt streiten wir nun um dieselben Bilder, da ein ieder meinet er habe ein bessers; und wenn man dieselben Bilder alle wieder in Eine Sprache einführet, und die Bilder tödtet, so ist das einig, lebendigmachende Wort GOttes, welches allen Dingen Leben und Kraft giebet, und hat der Streit ein Ende, und ist GOtt alles in allem, (...) das lebendige Wort muß das buchstabische Bild tödten.” (MM 36;40 und 65)”

So könnte Böhme seinen Genesiskommentar den gleichen Fraktionen der Spätreformation entgegengehalten haben, denen er auch einige seiner Schutzschriften sowie die “Gnadenwahl” entgegenhielt. Dann wäre die christliche Folie, die er über das Alte Testament zieht, eine Schutzfolie. (3)

Friedenssehnsucht

Esau ist dennoch ein braver Kerl. Jacob Böhme weiß das zu würdigen. Kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges fallen bei Böhme daher Sätze wie folgender, mit welchem er den Satz Isaaks, des Vaters, an Esau, „Von deinem Schwerte wirst du dich nähren“ (1 Mose 27;40) kommentiert:

„GOtt will keinen Krieg, sondern das Reich der Natur in GOttes Zorn will den, welcher einig alleine aus dem Reich der Natur geboren ist, der lebet auch (in) demselben.“ (55;45)

Und der arme Esau? Böhme hat viel von der alten antiken Parabel verstanden, wenn er in Esau einen Vertreter niederer Kulturstufen sieht, einen rohen, etwas dümmlichen Jäger und Sammler, der vom schlauen, sesshaft gewordenen Jacob, der feine glatte Hände hat, historisch überwunden wird:

„Aber seine Figur in Adams Natur muß untergehen, und Christus in ihm aufstehen, auf daß von Esau die SAU wegkomme, und er im E, als ein Engel, bestehen bleibe.“ (64;2)

Solche auf uns mitunter wie Komik wirkenden Beispiele der Wortdeutungen werden von einem eifrigen Autodidakten erzählt, der in nur fünf Schreibjahren, von 1619 bis 1624, ein ausgesprochen verflochtenes Werk von mehreren tausend Seiten verfasst hat, gegen den Widerstand regionaler Kirchenoberen, seinen Zeitgenossen mehr als ein Faszinosum war, ein religiöser homme de lettres, der es verstand, die eigene Kreativität mit der Kreation der Natur und der erzählten Welt der Bibel in Verbindung zu bringen.

Böhmes Identifikation mit der Gestalt des biblischen Jacob kann zuweilen ergreifende Züge annehmen, so etwa als der alt und störrisch gewordene Jacob in der Bibel seinen Söhnen zunächst verwehren will, zu ihrem Bruder Joseph nach Ägypten zu ziehen. Böhme leidet mit ihm:

„O du armer alter Jacob der kundschaftenden Christenheit! Laß doch deine hungrige Söhne, welche gar mager vor grossem Hunger im Gewissen sind, zu Joseph ziehen (…). O du armer alter Jacob, betrübe dich doch nicht also um zeitliche Dinge: Siehe doch, wie es dem alten Jacob ging, als er seine Söhne ließ alle von sich zu Joseph ziehen (….).“ (70;28f.)

Kaum ist in den Sätzen – etwa im mittleren der eben zitierten – klar, welcher Jacob gemeint ist, der der Erzählung, oder der Schreiber, der doch sehen soll, „wie es dem alten Jacob ging“. Seine Identifikation mit Jacob liegt auf der Linie, auf der auch Jesus Christus steht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in diesen Partien, in denen er vom Hunger des alten Jacob spricht, auf seine eigene Situation als hilfebedürftiger Garnhändler anspielt, gegen den Görlitzer Gegner sich längst zu formieren begannen. Er aber appelliert:

„Ein Bruder soll des andern Arzt und Erquickung seyn, und ihm sein Gemüthe (mit Einfühlung seines Liebes-Willens) stillen. Es wäre alles in dieser Welt genug, wenn es nicht der Geitz in eine Eigenheit einzöge, und seinem Bruder gönnete als ihm selber, und liesse seine Hoffart fahren, die doch vom Teufel ist.“ (24;21)

In der hier gebotenen Kürze können schwerlich alle Aspekte dieses komplexen und umfangreichen Werkes auch nur angerissen werden. Um einige zu nennen, verzichtete ich auf andere. Das Werk durchweht eine epische Friedenssehnsucht, die sich an den Skandalen des Erzählten immer wieder entzündet. Wie größte Epen parallel zu Kriegen entstanden, indem sie sich nach Frieden sehnen, oder von beiden handeln, so besteht Böhmes Übersetzungsleistung in der Hoffnung, die er mit jedem Skandalon im 1. Buches Mose verbindet:
„Die rechten Christen führen keinen Krieg.“ (MM 30;42)


Anmerkungen:

(1) Vgl. Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Übersetzt von Christa Buschendorf. Frankfurt am Main 1990. Zuerst 1964
(2) Grundlegend dazu vgl.: Günther Bonheim: Zeichendeutung und Natursprache, ebenda, S. 262 – 265)
(3) Diese Hintergründe zur strategischen Ausrichtung der Schriften Böhmes sind freilich spekulativ und wären noch Thema der Forschung.


Umfang: 896 Seiten, Sämtliche Schriften Band 7 und 8.
Überliefert in mehreren Abschriften. Zur Zeit beste Ausgabe: Jacob Böhme: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Will-Erich Peuckert/August Faust. Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730. Siebter und Achter Band. Stuttgart: Friedrich Frommanns Verlag, 1958.

 

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