zur Person Jacob Böhmes
zu den Terminen und Events
zur Bibliographie
zu den Tagungen des Instituts
zu den Görlitzer Aktivitäten
Haupttitel der Werkausgabe 1730
posthumes Böhme-Portrait um 1730 Logo-neu1
Tafeln

Eine Philosophie auf einem Blatt

Wer sich den Sätzen Jacob Böhmes hingibt, den Bewegungen der Begriffe, dem wellenschlagenden Bilderfluss, auf dem die Gedanken, die feststehenden Formeln und Formulierungen dahintreiben und oft wiederkehren, wer den sich durch Böhmes Kosmos wälzenden sieben Qualitäten hinterher liest, oder mit den dialektischen Schlagseiten der drei Prinzipien hin und her pendelt, wird nach ein paar Seiten spüren, dass dieser breite Strom von Sätzen sich in kleinen Satzteilen verstrudelt, die sich wieder auflösen, dass dieser Fluss auch in Stromschnellen kraftvoller barocker Pathetik dahinrauscht, oder sich in breiter, flacher Langsamkeit eine erhabene Monotonie gönnt, aber stets in den Grenzen christlicher Uferbefestigungen bleibt.

„GOtt ist weder Natur noch Creatur, was Er in sich selber ist, weder dis noch das, weder hoch noch tief. Er ist der Ungrund und Grund aller Wesen, ein ewig Ein, da kein Grund noch Stätte ist. Er ist der Creatur in ihrem Vermögen ein Nichts, und ist doch durch alles. Die Natur und Creatur ist ein Etwas, damit Er sich sichtbar, empfindlich und findlich machet, beydes nach der Ewigkeit und Zeit: Alle Dinge sind durch Göttliche Imagination entstanden, und stehen noch in solcher Geburt und Regiment; Auch die vier Elementa haben einen solchen Grund, von der Imagination des ewigen Einen. Dessen ich alhie eine Tabell setzen will, wie sich eines aus dem andern auswickelt, oder aushauchet.“ (Briefe 47;34)

Dieser Brief an zwei Empfänger, Gottfried Freudenhammer, einem Mediziner, und Jacob Johann Huser, einem Münzmeister, beide in Glogau, versucht eine Zusammenfassung oder Einführung in Böhmes Denkweise, die, wie an vielen Texten am Ende seines Lebens, von der Sorge begleitet ist, sich verständlich machen zu können. Der Brief vom 11. November 1623 enthält, wie der letzte Satz des Zitats ankündigt, tabellarische Darstellungen seiner Lehre.

Die Versuche einer grafischen Darstellung führten im Februar 1624, also kurz nach diesem Brief, zu einem separaten kleinen Werk, den „Tafeln von den Dreyen Principien Göttlicher Offenbarung“. Auf diesen Tafeln (vgl. Abbildungen rechts - vergrößerbar) finden wir überwiegend das komplette Vokabular aus Böhmes  Gedankenwelt wieder, neben einigen Termini, die in seinen Schriften eher selten oder nur erst spät im Gesamtwerk verwendet werden. Die hier wiedergegebenen Tafeln sind in der Ausgabe der Werke von 1730 auf drei getrennten Seiten gedruckt. In der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel existiert ein ca. 33 x 39 cm großes handgeschriebenes Blatt, auf dem die drei Tafeln nebeneinander abgebildet sind. (1)

 

Raster und Improvisation

Wer Böhmes Mystik in seiner Sprachenergetik sah, in der apophatischen Redeweise, die Böhme im obigen Zitat sogar anwendet, um sie aufzugeben (!) und es mit Tabellen zu versuchen verspricht, der wird in den „Tafeln“ nicht das finden, was das Faszinosum Böhme ausmacht.

Helfen die Tabellen, sein Werk zu verstehen? Könnten sie es gar ersetzen? Könnte von ihnen ausgegangen das Werk erschlossen werden? Hätte ein Leser nur diese Tabellen, wie die beiden „geliebten Herren und Brüder“ (Briefe 47;32) Freudenhammer und Huser, denen Böhme die ersten Tabellenentwürfe schickte, würde sich mit ihnen das Böhme’sche System erschließen lassen?

Natürlich nicht. Keinesfalls ersetzen die Tafeln, indem der Leser an ihren Kästchen entlang liest, die Diskursivität der argumentierenden Schriften. Die meisten Zeilen bleiben in ihrer horizontal zu lesenden Logik durchaus unverständlich. Die Tafeln oder – wie Böhme schreibt – die Tabellen werden explanatorische Funktion haben, die die Lektüre unterstützen soll.

Vieles mag den Zeitgenossen bekannt vorgekommen sein. Die drei großen Tabellen enthalten zahlreiche Strukturelemente und Termini, die in der damaligen Zeit sich von selbst verstanden, zuallererst ihre Namen: „Tetragrammaton“ bezeichnet, als „Vier-Zeichen-Wort“, den Namen Gottes, JHVJH (Jehova), „Macrocosmos“ bezieht sich auf Erde und Kosmos, „Microcosmos“ auf den ganzen Menschen, wobei hier die paracelsische Tradition eines strengen Bezuges zwischen Microcosmos und Macrocosmos mitzitiert wird. Diese Titel und etwa die astrologischen Planetensymbole über den Wochentagsnamen im Microcosmos sowie die vier Temperamente in der fünften Zeile im Macrocosmos, ebenso die Metalle in der siebten Zeile, die den Planeten in der zweiten Zeile – astrologisch richtig – beigeordnet sind: diese und einige weitere Einträge sind durchaus zeitüblich und dürften den ersten Böhmelesern bekannt gewesen sein und bieten keinerlei Neues. (2)

Wichtig ist nun: Bei der Tetragrammaton-Tafel handelt es sich um die Eigenschaften Gottes, nicht der Menschen. Auch die Negativität gehört dazu. Besonders Spalte IV, die den Buchstaben „C“ trägt, und der andersorts mit „Christus“ konnotiert ist (Tafeln 1;30), hat es in sich. An der Vier scheiden sich buchstäblich die Geister. (3)

„Diese Tafel in sieben Spatien ist der Grund der Engel und Seelen, als das Mysterium Magnum der Verwandlung, da alle Möglichkeiten innen liegen.“ (Tafeln 1;31)

„Also soll man mit dieser Tafel die verborgene geistl. Welt verstehen, als GOttes ewige Offenbarung, daraus die Engeln und die Seelen des Menschen ihren Urstand empfangen haben; deswegen können sie sich in Böse und Gut verwandeln, dann es lieget beydes in ihrem Centro; Die geistliche Welt ist anders nichts, als GOttes geoffenbaretes Wort, und ist von Ewigkeit gewesen, bleibet auch in Ewigkeit, und wird darinnen Himmel und Hölle verstanden.“ (Tafeln 1;50)

Die Geschlossenheit der Kästchen tragen eine Offenheit der Wahlmöglichkeiten oder der Entwicklungsmöglichkeiten in sich, die wir nur verstehen können, wenn wir assoziativ die Schritte von Wort zu Wort setzen. Unsere Vorstellungskraft kann die Begriffe zum Tanzen bringen, dann leisten wir das gleiche, was Jacob Böhme mit seiner Formulierungsphantasie vermag. Was sollte die Tabelle anderes leisten, als ein festes Raster abzugeben, innerhalb dessen wir uns selber ein Bild – als unsere imaginative Eigenleistung – von der Vielfalt des Göttlichen, wie Böhme es verstand, imaginieren können.

In diesem Sinn bleiben die Kommentare zu den anderen beiden Tafeln, Macrocosmos und Microcosmos, auffallend kurz. Böhme notiert viele „ist“-Definitionen: „Das Wasser ist der zersprengete Mercurius“ (Tafeln 2;53), Quecksilber läuft also wie Wasser auseinander. „Das Feuer urständet…“, „Die Kälte verstehet man…“, Formulierungen also, denen die überzeugende Diskursivität fehlt. Diese wird hier mehr noch als bei der ersten Tafel den Lesern oder Betrachtern der Tabellen überlassen.

Dabei wird es bereits zu Böhmes Zeiten ein Unterschied gewesen sein, ob diese Tafeln für Böhme-Kenner oder für Systemunkundige gedacht sind. Zur Einführung in Böhmes Gedankenwelt eignen sie sich eher nicht. Sie bilden ein Raster aus, das recht grobmaschig ist und in den Zwischenräumen Platz für die Improvisation lassen. So nämlich schreibt Böhme selber: Das Raster dieses Systems steht, nach einigen abweichenden Anfängen in der „Aurora“, seit 1620. Aber wie Böhme es füllt, mit welchen Schwerpunkten, unterliegt den Anlässen der jeweiligen Themen der Schriften wie auch einer gewissen imaginativen Freiheit.

 

Memoria und Philosophie

Welchen Erkenntnisstatus haben solche Tafeln? Sie dienen der Erinnerungsleistung oder dem Gedächtnis, so dass ein Leser der Schriften Böhmes dort nachlesen kann, was er droht zu vergessen, dass beispielsweise die Melancholie dem Ungrund der ersten Qualität beigeordnet sei, und ihr der Saturn mit dem Metall Blei. (Vgl. „Macrocosmos“) Sie dienen der eigenständigen Gedankenarbeit, selber die sieben Gestalten anhand anderer, in Böhmes Schriften nicht ausführlich erwähnter Stichworte zu entwerfen. So ist die siebenstufige Beiordnung von Tieren wie „Wolf. Fuchs. Hund. Löwe. Vogel. Affe. Grobes Thier.“ nicht Gegenstand in anderen Schriften und hier etwas dem Böhmeschen Werk gegenüber Eigenständiges. In Ergänzung der Lektüre werden die Tafeln ihre didaktische Bedeutung haben, zur Verdeutlichung komplizierter Sachverhalte. Böhme trug immer wieder Sorge, dass er schwer zu verstehen sei, da lag eine tafelartige Darstellung seines Werkes sicher nahe. Vielleicht haben Freunde in seiner Umgebung ihn dazu geraten.

„Mit dem Wort Grund der Natur, verstehet man die Wurtzel der vier Elementen, als die vier Ursachen der Beweglichkeit und Empfindlichkeit. Mit dem Wort, Kein Element, verstehet man das Temperamentum oder Gleichheit der Natur und vier Elementen, da das Licht die Eigenschaften alle in Einen Willen wandelt, darinnen das Licht auch mit der empfindlichen, beweglichen Elementischen Eigenschaft wircket (…). Das Wort Paradeis, in der sechsten und siebten Eigenschaft, deutet an das geistliche Gewircke im Lichts-Wesen, als ein Grünen oder geistlich Wachsthum (…)

Diese Tabell zeiget an, wovon alle Wesen dieser Welt sind entsprungen, und was der Schöpfer sey (…). Aber der Separator oder Scheider ist der ausgeflossene Wille aus der geistlichen Welt gewesen (…).“ (Tafeln 2; 57-61)

Böhmes eher verwirrende Erklärung, die hier nicht klarer wird, würde das ganze Kapitel zitiert, lässt jedoch immerhin erahnen, dass die Zusammenfassung der Spalten 1,2,3 dann 4,5 dann 6,7 die positiv besetzten Schöpfungsprinzipien in die Negativität der Natureigenschaften übersetzt. Der „Separator“ ist letztlich das Prinzip der Vereinzelung und der trennenden Materialität und als etwas Böses besetzt. Der Makrokosmos spiegelt ALS Negativität die sieben Qualitäten der unsichtbaren Abläufe der Schöpfung. Diese Negativität ist unschwer an den allermeisten der Vokabel-Einträge zu erkennen, wenngleich sie ebenfalls von links nach rechts gelesen tendenziell, nicht durchgängig, an Positivität zunehmen. Die Spalte 6 und 7 scheinen dabei die Ambivalenz des Paradieses widerzuspiegeln.

Alle drei großen Tafeln, die in ihren Bezügen im Rahmen dieser Einführung nicht in toto kommentiert werden können, bilden einerseits Böhmes System ab, führen andererseits in ihren Einträgen ein Eigenleben, das sich nicht zwingend in den Schriften wiederfinden lässt. Sie sind im Sinne der Memoria, der Gedächtnislehre, zugleich anregend wie bewahrend. Das Einbildungsvermögen erfordert zugleich Reflexion wie Imagination, und durch ständige Betrachtung, die derjenigen bei Ansicht eines Mandalas gleicht, erzeugen sie eine Eigenleistung des Lesers, der die Produktivität Böhmes auf die Eigenmystik des Deuters überträgt, der selber produktiv wird. Ihre Unklarheit ist gerade das Magische an ihnen, ihre Kombinatorik gleicht einem semantisch aufgeladenen Alphabet, mit dessen Hilfe sich stets neue Vertiefungen erzeugen lassen.

Durch diese rezeptionsästhetische Doppelfunktion – rezeptiv und produktiv, Gedächtnis und Imagination – erfüllen sie die Eigenschaft magischer Tafeln, die in der frühen Neuzeit in Alchimie und hermetischen Künsten üblich waren. Es ist durchaus möglich und weiterer Forschung wert, ob Abraham von Franckenberg, ein Schüler Jacob Böhmes, an ihrer Gestaltung mitgewirkt haben könnte. Franckenberg, der selber 1623 eine „Tabula universalis“ erstellt hatte, war von Rosenkreuzerischen Weltentwürfen beeindruckt gewesen.(4) Die detailversessenen magischen Tafeln aus dem Werk eines Alchimisten wie Heinrich Kunrath scheinen eine ähnliche assoziative Doppelfunktion aus Gedächtnis und Imagination aufzuweisen.(5) Die größte Ähnlichkeit mit den drei Tabellen weisen wohl jene des Paracelsus oder des Cornelius Agrippa von Nettesheim auf, magische Tafeln in Nähe zur Kabbala, die ganz ähnlich aufgebaut sind wie diejenigen Böhmes und oftmals die gleichen Wörter enthalten (vgl. das Beispiel 4 rechts in der Abbildungsspalte), freilich ursprünglich in lateinischer Sprache. Hinweise auf eine direkte Rezeption Nettesheimer Tafeln oder überhaupt von dessen Werken durch Jacob Böhme gibt es wohl nicht, jedoch ist die Vorstellung bestechend, dass Nettesheims kabbalistische Tabellen für Böhmes Spätwerk anregend gewesen sein könnten,(6) besonders vor dem Hintergrund, dass in den letzten Werken Böhmes die „Cabala“ expressis verbis erwähnt und ihren Themen nachgegangen wird. (Vgl. die Ausführungen zur „Betrachtung göttlicher Offenbarung“) 

Böhme hat rund sechs Jahre vor diesem Werk der „Tafeln“, in den etwa 1618 entstehenden Antworten auf die „Vierzig Fragen von der Seele“ eine grafischen Darstellung seines Systems unter dem Titel einer „philosophischen Kugel“ versucht und diese ausführlich kommentiert. (siehe unsere Ausführungen dort). Auf den ersten Blick fällt der enorme Unterschied zwischen jener Grafik und diesen Tafeln auf, sowohl in Anordnung der Begriffe als auch in ihrer Gewichtung. Grafik und Tabellen sind ohnehin unterschiedliche Medien, führen hier jedoch auch zu sehr unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten.

Festzuhalten für die „Tafeln“ ist, dass sie wohl mehrere Funktionen haben. Sie dienen der:

-        Memoria: als Gedächtnisstütze für die Erfassung und Aktualisierbarkeit der Lehre und des Systems bei Jacob Böhme,

-        Imagination: als Einübung eigener Deutungserfolge durch die Rezipienten,

-        Didaktik: Erklärungshilfen bei der Vermittlung der Lehre Böhmes für Unkundige,

-        Ästhetik: als Aufweis eines inneren festen Gerüstes äußerlich fluider Verschriftlichung.

Umfassend würdigen können wir diese Tafeln wohl erst unter dem Blickwinkel einer historischen Erkenntnislehre solcher Tafeln und Mandalas, solcher Schaubilder und Grafiken, die in ihrer Historizität die Geschichte der Philosophie und der Ästhetik begleitet haben. Zu unterscheiden ist jedoch ihre Funktion im Dienst definitorischer Systemtreue oder im Dienst assoziativer Eigenmystik.

 

Anmerkungen:

(1)     Herog August Bibliothek, Sign. 66 Noviss. 4 Grad. Bl. 70

(2)    So liegt im kabbalistischen Tabellenwesen, wie etwa C. A. von Nettesheim (1486-1535) es in seinen magischen Werken integrierte, eine weite Verbreitung vor. Vgl. ferner: Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxl: Saturn und Melancholie, ebenda. Will-Erich Peuckert: Die große Wende. Das apokalyptische Saeculum und Luther. Darmstadt 1966.

(3)    Vgl. unsere Erläuterung zur Qualitätenlehre

(4)    Vgl. José Bouman und Cis van Heertum: Göttliche Weisheit, Göttliche Natur. Die Botschaft der Rosenkreuzer-Manifeste in der Bildsprache des 17. Jahrhundert. Amsterdam 2014. S. 50

(5)    Ebenda S. 88

 

Umfang: 17 Seiten, Sämtl. Schriften Band 9.
Überliefert in mehreren Abschriften. Zur Zeit beste Ausgabe: Jacob Böhme: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Will-Erich Peuckert/August Faust. Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730. Neunter Band. Stuttgart: Friedrich Frommanns Verlag, 1956.

 

zum Vergrößern bitte klicken
zum Vergrößern bitte klicken
zum Vergrößern bitte klicken
zum Institut
Senden Sie uns eine E-Mail
zum Impressum
zum geschlossenen Mitgliederbereich
zur Startseite der Homepage