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Haupttitel der Werkausgabe 1730
posthumes Böhme-Portrait um 1730 Logo3
Tilke 2

Balthasar Tilke (siehe erste Schutzschrift) muss das Manuskript der Schrift Böhmes von der „Menschwerdung Jesu Christi“ gekannt haben, da er laut Titelei „angeklebte Zedelchen“ darin zurückgelassen habe, die Böhmes Sicht kritisieren. Kurioserweise widmet sich Böhme sehr ausführlich der Widerlegung kleiner Zettel. Was auf diesen Zetteln genau stand, ist leider nicht überliefert.

Das Thema lautet, wie in der ersten Schutzschrift und wie im Hauptwerk gleichen Titels, das Böhme hier ankündigt, (Tilke2;6) die „Gnaden-Wahl“, die erst 1623 entsteht. Im Begleitbrief dieser Apologie an Johann Daniel Koschowitz, Mediziner zu Striga, wünscht Böhme sich zunächst, dass seine Entgegnung dem Adressaten Tilke helfen möge:

„Wünsche aber von Herzen, daß der Mensch möchte sehend werden, dann er ist ein Eiferer, so würde doch sein Eifer nützlich seyn; alleine dieser Weg, den er ietzt lauft, ist nur eine offene Thüre zu aller Leichtfertigkeit und Verzweiflung (…).“ (Tilke2 Zuschrift; 3)

Zwar kann Böhme herrlich polemisieren, davon zeugen alle Verteidigungsschriften, „Apologien“, die besser Polemiken heißen, aber Religionszwang und Zank lehnt er ab, nicht indem er auf Auseinandersetzung verzichtet, sondern dem Gegner seine höhere Berufung vorhält:

„Dann ein rechter Christ hat mit niemand keinen Zanck um die Religion: Wer um GOttes Worte zancket, und verachtet seine Brüder, der ist blind, und hat den Glauben nicht.“ (Tilke2; 15)

Die brutale Version des calvinistischen Prädestinationsglaubens greift Böhme hart an, wenn er von diesem sagt,

„… der Mensch solle stille stehen, was GOtt mit ihm thue, Er werfe ihn in Himmel oder Hölle, der Mensch könne das nicht wehren; es sey in GOttes Vorsatz und Rath beschlossen, wo er einen ieden hinwerfen wolle. Ach des gantz jämmerlichen und elenden Glaubens! Erbarme es doch GOtt, daß wir uns also lassen blenden!“ (Tilke2; 116)

Dagegen nämlich spreche die Möglichkeit der aktiven Hinwendung, der Wiedergeburt, der Gelassenheit, der Menschwerdung Christi in jedem Menschen, mithin auch der göttlichen Berufung, als Unkundiger zu schreiben. Böhmes Abkehr von der Prädestinationslehre versteht sich auch als Emanzipation derart als krude empfundene theologische Zuordnungen menschlicher Schicksale.

Dieser Unterschied zwischen der Prädestination, der Determinanz allen Geschehens, und der Freiheit im Handeln bringt Böhme auf eine Formel:

„Sagst du, GOtt kann aus mir machen, was Er will, Er ist allmächtig: Er macht aus dir was du wilt, seine Liebe ist allmächtig, und auch sein Zorn (…); wie du wächsest, so bist du; was für Saft du in dich zeuchst (saugst – TI), solche Frucht trägest du.“ (Tilke2; 184)

Es ist heute dennoch kaum noch nachzuvollziehen, was Böhme veranlasst haben könnte, derart pikiert auf gewiss in ihrer Wirkung eher harmlose Notizen auf „Zedelchen“ zu reagieren:

„Dann er (Tilke-TI) hatte solche Meinungen in der Vernunft gefasset, welche wol vielmal besser wären, er hätte sie niemals aufs Papier gebracht; ich auch des fast sehr erschrocken bin, daß der Satan die eigene Vernunft ohne Göttlich Licht in einen solchen Kerker wirft, und mit einen solchen Strick umfänget,daraus gar schwer zu reissen ist, und ohne Göttlich Licht gar nicht geschehen mag.“ (Tilke2; 9)

Die Entgegnung Böhmes auf die Zettel des Balthasar Tilke, mit denen sein Manuskript der „Menschwerdung Christi“ versehen war, gleicht einer Reinigung von ihnen. So werde er „gleichsam genöthiget, seinen Koth von meinem Sinn und Begriff abzuwischen.“ (Tilke2; 13)

Vielleicht hat Böhme Tilken gekannt, und vielleicht hat die mehrfache Betonung, Tilke sei ein „Adeliger“, eine Bezeichnung, die für die anderen adeligen Freunde Böhmes nicht verwendet wird, etwas abschätziges. Als sei sein Gegner ein müßiger Theoretiker, betont Böhme das tätige Christentum:

„Dann die wahre Religion stehet nicht allein im äusserlichen Worten im Schein, sondern in lebendiger, thätiger Kraft, daß einer dasselbe, was er weiß, begehret vom Grund des Hertzens, in der Liebe gegen den andern zu vollbringen. Ins Thun muß es kommen, oder ist nur ein gefärbter Glaube, eine Historische Babel, (…) aufgeblasen und spöttisch, wie mein Gegensetzer.“ (Tilke2; 60f.)

Ja er droht ihm sogar:

„Vertraget mir doch meine Thorheit ein wenig, daß ichs euch sage, nicht mir zum Ruhm, sondern euch zur Lehre und Wissenheit, daß ihrs wisset, wen ihr spottet und schmähet, wenn ihr mich verhöhnet; soll ich euch nicht bergen, und meine es hertzlich.“ (Tilke2; 77)

Diese letzte Wendung passt typischerweise auf Apologien mehr denn auf die Haupt-Werke selbst. Wenn auch alle Argumente versagen sollten, das letzte, die ultima ratio allen Schreibens bleibt die hinter den Worten stehende höchste Macht, die überhaupt sich denken lässt. In der letzten Wendung, er „meine es herzlich“, sieht man den drohenden Zeigefinger erhoben.

In der zweiten Schutzschrift fallen die Hinweise auf andere seiner Schriften auf, (vgl. Tilke2; 44) was Böhme sonst eher selten vornimmt. Auf ein Werk jedoch weist er Tilken drei Mal hin, auf die Schrift „Von sechs theosophischen Punkten“, entstanden wohl 1620. (vgl. Tilke2;39, 44 und 86) Diese kurze Schrift liest sich noch heute als gute Zusammenfassung seiner Philosophie, kompakt, recht unkompliziert, und, das ist hier wichtig, mit einem großen Anteil ethischer Fragen um Selbsterkenntnis und Freiheit, und der Gefahr, dass ein unverstandener Freiheitsbegriff zu den Todsünden führen kann. (Vgl. Erläuterungen zu den „Sechs theosophischen Punkten“)   

Überdenken wir die beiden hier nur angerissenen Schutz-Schriften gegen Balthasar Tilke, so ergibt sich folgendes Bild: Wir können uns Balthasar Tilke als jüngeren Mann vorstellen, der mit einigem philosophischen Geist versehen war, der zu radikalen Ansichten neigte, den die „Aurora“ mag ergriffen, doch auch zu Fragen geführt haben, die typisch sind für junge Menschen, denen ein starkes Buch begegnet: Zwischen Faszination und Abwehr – wer wüsste das nicht von sich selber – führt die Affiziertheit zu Notizen über das Gelesene, die spontanem Eindruck genauso folgen wie aufsässiger Entgegensetzung.

Vielleicht auch zählte sich Tilke zu den sog. Krypto-Calvinisten, Ernst Heinz Lemper zufolge eine Art freidenkerischer linker Reformationsflügel in der Lausitz und in Schlesien, (1) bei dem noch recht ungeklärt scheint, inwiefern Böhme sich mit ihnen verbunden fühlte. Einerseits teilte Böhme mit ihnen die Ablehung der konfessionell starren „Mauerkirche“, andererseits lehnte er den strengen Calvinismus, insbesondere die Prädestimationslehre, ab.

Die Vermutung Will-Erich Peuckerts, dass dieses Verhältnis zu Tilke rund zwei Jahre später zur gründlichen Erörterung der „Gnadenwahl“ geführt habe, da die Freundschaft oder die Kommunikation zwischen beiden nicht abgebrochen sein muss, liegt nahe und passt ins Bild, insofern Balthasar Tilke nach dieser Gegenrede Böhmes diesem mit Respekt begegnet sein könnte, so dass - das wäre das schönste – der Faden nicht gerissen war.(2)

 

Anmerkung:

(1)   Vgl. Ernst Heinz Lemper: Jakob Böhme. Leben und Werk. Berlin 1976. S. 36-39

(2)   Vgl. Will-Erich-Peuckert: Vorwort zu Band 5 der Sämtlichen Schriften, S. 21.


Umfang: 62 Seiten, Sämtl. Schriften Band 5.
Überliefert in mehreren Abschriften. Zur Zeit beste Ausgabe: Jacob Böhme: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Will-Erich Peuckert/August Faust. Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730. Fünfter Band. Stuttgart: Friedrich Frommanns Verlag, 1960.

 

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