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Wiedergeburt

Im Christentum kann (Wieder)-Geburt Verschiedenes bedeuten: die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft überhaupt, die mit der Taufe vollzogen wird, das Vergeben der Sünden durch das Abandmahl oder die Sakramente, die Auferstehung von den Toten im Szenario des Jüngsten Gerichts, oder – und hier wird es historisch enger – die Runderneuerung des Bekenntnisses als glaubender Christ: Wer bereits als Christ geboren und durch die Taufe in die Gemeinschaft aufgenommen wurde, versteht unter „Wiedergeburt“ einen Vorgang der nochmaligen Geburt als Christ, eine Intensivierung, eine Reinigung, einen Neustart. Dies war der Gedanke der „Wiedertäufer“, die rund 50 Jahre vor Böhmes Geburt die Reformation radikalisierten und unter Wiedergeburt verstanden, der Christ müsse noch einmal (wieder) getauft werden, um als von der katholischen Kirche geläuterter Christ noch einmal von vorne zu beginnen. Die katholische Kirche stand damals schließlich unter dem Verdacht, Sündennachlässe gegen Ablasszahlungen verkauft zu haben und ähnlich missverständliche pekuniäre Glaubensauslegungen geleistet zu haben, die damals nicht jeden von der christlichen Nächstenliebe der Kirche überzeugt sein ließ. In der Idee der „Wiedergeburt“ oder der „Wiedertaufe“ sahen viele Menschen eine Chance, sich geistig – gleichsam „back to the roots“ - neu zu finden und unter dem Zeichen der „Wiedergeburt“ sich auch sozial untereinander neu zu definieren. Wiedergeburt war ein Anliegen der Zeit, man besann sich auf die religiösen Wurzeln, ganz wie man sich in Wissenschaft, Staatswesen und anderer Werte auf  die Wiederentdeckung der Antike besann; „Wiedergeburt“ heißt französisch „Renaissance“.

Für die etablierten Kirchen, auch für das Luthertum, war der Gedanke der „Wiedergeburt“ ein gewisses Problem: Haftete der normalen Taufe und Kirchenzugehörigkeit die Mängelrüge an, gegen Kriege, Armut, Egoismus, Ausbeutung und dergleichen Menschlichkeiten mehr nicht genügend wirksam zu sein, und was bedeutete eine Gemeinschaft von Wiedergeborenen dann: waren es „bessere“ Christen, standen sie nun außerhalb der staatlich sanktionierten Gemeinden, war es eine Schar Unnennbarer, unberechenbarer Eliten, und was, wenn sich so etwas herumsprach, wie Böhme über den wiedergeborenen Menschen schreibt:

„Dann eines Christen Gerechtigkeit ist in Christo, der kann nicht sündigen.“ (1; 7) Der wiedergeborene Mensch lebt nur das Leben Christi nach, und indem er das tut, kann er keine Fehler machen – eine radikale, an Selbstvergöttlichung grenzende These, die ein Jahrhundert zuvor nicht wenige Ketzer auf den Scheiterhaufen führte. Wiedergeborene waren Ketzer, das steckt schon im Wort: Im Mittelalter nannten sie sich die „Reinen“, die durch Wiedergeburt „Gereinigten“. Das Wort „Ketzer“ stammt vom griechischen „kátharos“, „rein“. In der deutschen Sprache ist der Terminus „Wiedergeburt“ zu ersten Mal im 14. Jahrhundert nachweisbar, bei Heinrich Seuse. In dem Begriff steckt mithin ein zentraler Gedanke der Mystik und der radikalen Zweige der Reformation.

Zurück zu Böhmes Traktat. Die „Wiedergeburt“ eines Menschen, von der auch in Böhmes Mystik alles abhängt, was mit seiner Erlösung zu tun hat, ist mit gerade mal rund 30 Seiten - in der Zählung der Ausgabe von 1730 - merkwürdig knapp ausgefallen. Die Herausgeber dieser Ausgabe erklären, das kleine Werk sei:

„(…) zur Zeit des Büchleins von der Busse, also im Junio 1622 zu dem Ende geschrieben, daß der Einfältige, der in den andern Schriften diesen so nöthigen Articul etwan nicht gründen (ergründen – TI) könnte, alhier nähere Anweisung hätte, gleich in dem Vorbericht daselbst zu sehen.“ (Band 10, Ausführl. Bericht V, 36)

Der Text von der „Neuen Wiedergeburt“ sollte also zum Nachschlagen und damit anderen Werken dienen, verständlicher zu werden. In der „Vorrede des Autoris“ wird diese Absicht einer bündigen Erklärung dessen, was in seinen Schriften verstreut zum Thema Wiedergeburt vorliegt, bestätigt. Jedoch verweist Böhme zum Verständnis dieser kleinen Schrift wiederum zurück auf alle seine von 1619 bis Mitte 1622 verfassten Werke, die zur Vertiefung dieses Themas zu lesen seien. Wir werden aus diesem Text in der Tat nicht so recht schlau.

Im Brief an Caspar Lindner, Himmelfahrt 1621, es ist Epistel Nr. 12, stoßen wir auf eine Quelle zu dem Begriff:

„“Sonst schreibt auch Weigel von der neuen Geburt, und der Einigung der Menschheit in Christo mit uns, gar schöne, welches, weil ichs in meinen Schriften was klärer beschrieben, alhie beruhen lasse, und lasse sie unveracht (nicht verachtet – TI), auch den, der sie lieset.“ (Briefe 12; 60)

Er geht also der theoretischen Erörterung des Begriffs auch bei seinem von ihm gelesenen Vorgänger Valentin Weigel (1533-1588) aus dem Weg und unterstreicht im gleichen Brief dazu:

„Was hilft mich (mir –TI) die Wissenschaft, so ich nicht darinnen lebe? Das Wissen muß in mir seyn, und auch das Wollen und Thun. (…) Es heisset (bei Weigel – TI): Ihr müsset neugeboren werden, oder sollet GOttes Reich nicht schauen: Ihr müsset werden als ein Kind, wollet ihr GOttes Reich sehen. Nicht allein um die Wissenschaft zancken, sondern ein neuer Mensch werden, der in Gerechtigkeit und Heiligkeit in GOtt lebe. Man muss den Schalck austreiben, und Christum anziehen, alsdann sind wir in Christo, und mit Christo in seinem Tod begraben, und stehen mit Christo auf, und leben ewig in Ihme. Was soll ich dann lange um das zancken, was ich selber bin?“ (Briefe 12; 32 f.)

Diese Wendung ist typisch für Böhme: Er spielt das Wissen und dessen Aneignung aus anderen Büchern (hier Weigels) herunter, betont das Leben und Handeln in diesem Wissen, um ein paar Absätze später auf seine eigenen Schriften aufmerksam zu machen  und darauf, wo Lindnern sie beziehen könne, bei seinem Kopisten und Freund Christian Bernhard. (vgl. dazu die Ausführungen zu den Briefen)

Der Begriff von der Wiedergeburt taucht im ersten Werk der großen Schaffensperiode ab 1619 an zentralen Stellen auf, so etwa in den „drey Prinzipien“:

„Sprichst du: Was ist die neue Wiedergeburt? Oder, wie geschicht sie im Menschen? Höre und siehe, verstopfe nicht dein Gemüthe, laß dir den Geist dieser Welt mit seiner Macht und Pracht nicht dein Gemüth erfüllen, fasse dein Gemüthe und reiß durch ihn aus: aneigne dein Gemüthe in die freundliche Liebe GOttes, mache dir deinen Fürsatz ernst und strenge mit deinem Gemüthe, durch die Wollust dieser Welt durch zu reissen, und derer nicht zu achten; dencke daß du in dieser Welt nicht daheime bist, sondern bist ein fremder Gast in einem schweren Gefängniß, gefangen: Ruffe und flehe zu deme, der den Schlüssel zum Gefängniß hat, ergib dich ihm in Gehorsam der Gerechtigkeit, Zucht und Wahrheit; suche nicht das Reich dieser Welt also harte, es wird dir ohne das genug anhangen: so wird dir entgegnen die züchtige Jungfrau hoch und tief in deinem Gemüthe; die wird dich führen zu deinem Bräutigam, der den Schlüssel hat zu den Thoren der Tieffe. Vor deme must du stehen, der wird dir geben von dem himmlischen Manna zu essen: das wird dich erquicken, und wirst starck werden und ringen mit den Thoren der  Tieffe. Du wirst durchbrechen als die Morgenröthe: und ob du gleich alhier in der Nacht gefangen liegest, so werden dir doch die Strahlen der Morgenröthe des Tages im Paradiese erscheinen, in welchem Orte deine züchtige Jungfrau stehet, und deiner mit der freundlichen Engel-Schaar wartet, die wird dich in deinem neuen wiedergeborenen Gemüthe und Geiste gar freundlich annehmen.“ (Drey Prinzipien 16;54)

Mit deutlichem Bezug auf die Erstlingsschrift „Morgenröthe im Aufgang“ assoziiert Böhme seinen eigenen Durchbruch mit einer „Wiedergeburt“. Sie nämlich muss nicht in der Kirche stattfinden, sondern kann von Gott selber in ihm bewirkt werden. Jacob Böhme ist also bereits ein Wiedergeborener, so versteht er sich, und so verstanden ihn seine Freunde, er schreibt als ein Wiedergeborener, und er schreibt für Wiedergeborene und solche, die die es gern sein möchten. Werden wir aus der zitierten Passage schlauer? Sie enthält standardisierte Verheißungen jener Zeit, mit der Besonderheit, dass mit der genannten „Jungfrau“ nicht Maria gemeint ist, vielmehr die „Jungfrau Sophia“, die in Böhmes Werken, soweit sie Mythen enthalten, eine zentrale Rolle spielt, insbesondere in der Schrift „Von wahrer Busse“, wo sie gar als Dialogpartnerin auftritt. (siehe Erläuterungen dort)

Im Traktat von der „Neuen Wiedergeburt“ bezieht Böhme diese stets wie überall in seinen Schriften auf die Gestalt Jesu Christi:

„so müssen wir recht betrachten, was für ein Mensch in uns sey, der Christi Gliedmaß und ein Tempel GOttes sey, der im Himmel wohne; und dann auch, was das für ein Mensch sey, der nur in der äussern Welt wohne, und was das für ein Mensch sey, den der Teufel regiere und treibe.“ (1; 11)

 „Also verstehen wir nun unsere Neue Wiedergeburt recht, wie wir können Tempel GOttes seyn und bleiben; doch (diese Zeit) nach der äussern Menschheit, auch sündliche, sterbliche Menschen. Christus hat die Pforte unserer innerlichen, himmlischen Menschheit, welche in Adam zugeschlossen ward, in menschlicher Essentz (Wesen – TI) zersprengt und aufgenacht: Und liegt jetzt bloß an deme ,daß die Seele ihren Willen aus der Eitelkeit des (verderbten) Fleisches ausführe, und in diese offene Pforte in Geist Christi einführe.“ (4; 1)

Damit ist schon viel gesagt. Der Vorgang der Wiedergeburt ist keine einmalige Heiligung, sondern ein Bekenntnis, das sich im Alltag wohl bewähren muss, immer wieder, sie erlaubt keine Ruhe, sondern stellt Aufgaben. Seine scheint es zu sein, die Kirche anzuzweifeln.

Ab Kapitel 5 wird Böhmes Sprache drastischer, und er hebt zu einer Rhetorik an, die den kleinen Text zu einer expressiven Polemik gegen die Kirche macht. Er spricht Klartext, wie sonst selten:

„Alhier soll nun ein Christ bedencken, warm er sich einen Christen nennet, und wol betrachten, ob er auch einer sey: Dann daß ich lerne wissen und verstehen, daß ich ein Sünder bin, und daß Christus meine Sünden hat am Creutze getödtet, und sein Blut für mich vergossen, das macht noch lange keinen Christen aus mir (…)." (5; 1)

Böhme polemisiert gegen die „Historien“-Auffassung der Bibel, danach die biblische Geschichte mehr der Unterhaltung diene als der Aktualisierung, und gegen die „steinerne Kirchen“:

„Man lehret, ihre Absolution sey eine Vergebung der Sünden; Item, das Abendmahl nehme die Sünden weg; Item, der Geist GOttes werde vom Predig-Amt eingegossen.“

Jetzt ist er beim eigentlichen Thema dieser Schrift: Die Kirche vergibt viel zu schnell und ohne Konsequenzen die Sünden ihrer Mitglieder, die dadurch nicht bewogen werden, in sich zu gehen und sich zu bessern, ferner wird jeder Mensch von der Kirche abhängig. Der Wiedergeborene jedoch benötigt benötigt keine Kirche. So zumindest lautet die Argumentation, die von der verlogenen Alltagswirklichkeit ausgeht,

„Also auch im Predig-Amt: Der Gottlose höret was die äussere Seele der äussern Welt predigt, das nimt er an als seine Historiam: Ist aber etwa Stoppeln oder Stroh in der Predigt, so saugt er daraus die Eitelkeit, und die Seele saugt daraus die falsche Gift, und Morde des Teufels; Damit kitzelt sie sich, daß sie höret, wie sie kann Menschen richten. Ist aber ein Prediger auch ein Todter, und säet aus seinen Affekten Gift und Schmach, so lehret der Teufel, und höret der Teufel: Dasselbe Lehren wird in dem gottlosen Hertzen gefangen, und bringt gottlose Früchte, daraus die Welt eine Mordgrube des Teufels worden ist, daß beydes im Lehrer und Zuhörer nichts als eitel Spotten, Lästern, Höhnen, Wort-Zancken ,und um die Hülse Beissen innen ist.

Aber in dem heiligen Lehrer lehret der H. Geist, und in dem heiligen Hörer hört der Geist Christi, durch die Seele und Göttlich Gehäuse des Göttlichen Schalles. Der Heilige hat keine Kirche in sich, da er inne höret und lehret: Aber Babel hat den Steinhaufen, da gehet sie hinein heucheln und gleissen; läst sich mit schönen Kleidern sehen, stellt sich andächtig und fromm; die steinerne Kirche ist ihr GOtt, darein sie das Vertrauen setzt.

Der Heilige aber hat seine Kirche an allen Orten bey sich und in sich (…).“ (6;12 ff.)

„Heuchle, heule, schreye, singe, predige, lehre wie du willst, ist nicht der innere Lehrer und Hörer offen, so ist alles Babel und Fabel, und ein Schnitz-Werck, da der äussere Welt-Geist ein Model oder Schnitz-Werck nach dem Innern macht (…).“ (6;18)

„Ein rechter Mensch, welcher in Christi Geist neugeboren ist, der ist in der Einfalt Christi, hat mit niemandem einigen Zanck um die Religion. Er hat in ihm selbst Streit genug mit seinen thierischen, bösen Fleisch und Blut; Er meinet immerdar, er sey ein grosser Sünder, und fürchtet sich vor GOtt, dann seine Sünde stehen offenbar und sind im Gerichte, dann die Turba (hier: verwirrende Altagswelt – TI) verschleust sie in sich, darvon ihm der Zorn GOttes unter Augen schilt als einen Schuldigen: Aber die Liebe Christi dringt hindurch, und vertreibet sie, wie der Tag die Nacht verschlinget.“ (7; 1)

Auf Arbeit an sich, an der eigenen Seele kommt es ihm an. Wiedergeburt garantiert keine Seligkeit. Als Wiedergeborene stehen wir durchaus noc in den drei Prinzipien Himmel, Hölle, Welt, aber anders, geläutert, gelassen, und vor allem, mit einem Vers Böhmes: „befreit von allem Streit. Denn einiges an Unklarheit können wir Böhme nachsagen, nicht aber eine Konsequenz, gegen seine Zeit, die „Magna Turba“, zu schreiben, in der die christlichen Konfessionen länderfressende Kriege gegeneinander führen, Ausbeutung und Armut nicht nur decken, sondern mit verantworten, und das sieht ein kritischer Christ, und das lässt ihn von einer Wiedergeburt träumen, die wenig konkret benannt werden kann, umso mehr ihr Gegenteil:

„Die gantze Christliche Religion stehet in deme, daß wir uns lernen kennen, was wir sind, von wannen wir kommen sind; wie wir aus der Einigung in die Uneinigkeit, Bosheit und Ungerechtigkeit eingegangen, wie wir diese haben in uns erweckt. Zum andern, wo wir in der Einigung sind gewesen, da wir Kinder GOttes waren. Zum dritten, wie wir jetzund in der Uneinigkeit sind, in dem Streit und Widerwillen. Zum vierten, wo wir hinwallen aus diesem zerbrechlichen Leben (Wesen). Wo wir mit dem Unsterblichen hinwollen, und dann auch mit dem Sterblichen.“ (8; 1)



Umfang: 33 Seiten, Sämtl. Schriften Band 4.

Überliefert in mehreren Abschriften. Zur Zeit beste Ausgabe: Jacob Böhme: Sämtliche Schriften. Herausgegeben von Will-Erich Peuckert/August Faust. Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730. Vierter Band. Stuttgart: Friedrich Frommanns Verlag, 1957.


 

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